Mittelhessen und die Corona-Krise: Healthcare-Innovationen gegen Viren

Die Welt arbeitet mit Hochdruck daran, die Corona-Pandemie in den Griff zu bekommen. Forschung und Industrie in Mittelhessen leisten dazu einen großen Beitrag. Andersherum bietet die Krise vielen Firmen aber auch die Chance auf langfristige Veränderungen.

Foto: Robert Kneschke / shutterstock

Die Corona-Pandemie wird vermutlich als eine der einschneidendsten Gesundheits- und Wirtschaftskrisen der Neuzeit in die Geschichte eingehen – jedoch auch als massiver Treiber von Digitalisierung und Innovationen. Denn Krisen, und die durch sie entstehende Not, schaffen einen viel stärkeren Anreiz für Veränderungen als wirtschaftlich stabile Zeiten. Davon profitieren unter anderem sowohl das Gesundheitswesen als auch das Produktionsgewerbe. Wir geben Ihnen einen Überblick über einige in Hessen ansässige Unternehmen, die die Krise auch als Chance wahrnehmen. Davon gibt es – auch über die folgenden Beispiele hinaus – einige, wie Dr. David Eckensberger verrät: „Die hessischen Unternehmen haben die Krise schnell genutzt, um die Weichen für einen erfolgreichen Neustart zu stellen und innovative Projekte intern umzusetzen.“ Eckensberger ist Leiter der Abteilung Internationale Angelegenheiten der Hessen Trade & Invest GmbH (HTAI), der Wirtschaftsentwicklungsgesellschaft des Landes Hessen. Ihre Aufgabe ist es, den Wirtschafts- und Technologiestandort Hessen nachhaltig weiterzuentwickeln, um seine Wettbewerbsfähigkeit zu festigen und auszubauen.

Corona-Impfstoffproduktion in Marburg 

Eine Impfung gegen das Corona-Virus ist einer der aussichtsreichsten Ansätze, so schnell wie möglich aus der Krise herauszukommen und wieder zu einem normalen Alltag zurückzufinden. Das Mainzer Biotechnologie-Unternehmen BioNTech war eines der ersten weltweit, das (gemeinsam mit dem US-Konzern Pfizer) einen Corona-Impfstoff entwickelt und erfolgreich getestet hat. Kurz vor Weihnachten wurde das Vakzin in Europa zugelassen. In den Werken von Novartis in Marburg könnte der Impfstoff BNT162b2 demnächst im großen Stil hergestellt werden. Dafür hatte BioNTech bereits im September 2020 die Produktionsstätte vom Schweizer Pharmakonzern übernommen. Sobald der Kauf abgeschlossen ist, könnten in dem Werk im ersten Halbjahr 2021 bis zu 250 Millionen Dosen BNT162b2 produziert werden. Danach bei voller Betriebsfähigkeit bis zu 60 Millionen Dosen pro Monat.

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Millionen Dosen BNT162b2 pro Monat

Mitte November hatte BioNTech erste Zwischenergebnisse der Phase-3-Prüfung bekannt gegeben. Demnach bietet der Impfstoff BNT162b2 einen mehr als 90-prozentigen Schutz vor einer Covid-19-Erkrankung. Er beruht, anders als viele der übrigen Kandidaten, nicht auf dem Ansatz, das Immunsystem der Geimpften mit abgetöteten oder abgeschwächten Erregern oder dessen Bestandteilen zu konfrontieren. Stattdessen erhalten die Impflinge Teile der genetischen Information des Virus in Form von Boten-RNA. Marburg könnte dadurch zu einer der größten Messenger-RNA-Produktionsstätten in Deutschland und Europa werden.

Zu den Vorteilen des mittelhessischen Standortes sagte Sierk Poetting, Finanzvorstand und operativer Geschäftsführer von BioNTech, in der Online-Pressekonferenz im September: „Der Standort ist voll ausgestattet und wir können mit den 300 hochqualifizierten Mitarbeitern sofort anfangen, den Impfstoff zu produzieren.“ Auch die geografische Lage ist günstig für die weltweite Distribution des Impfstoffs. Dazu erklärt Dr. David Eckensberger:

„Die Region bietet eine ganze Reihe von günstigen Faktoren: ökonomisch, sozial und logistisch. Das internationale Drehkreuz Frankfurt, an dem sich wichtige europäische Bahnlinien und Autobahnstrecken sowie der größte deutsche Flughafen treffen, liegt gerade mal eine Stunde Fahrzeit entfernt. Eine Strecke, die im internationalen Maßstab vernachlässigbar ist.“
Dr. David Eckensberger
Leiter der Abteilung Internationale Angelegenheiten der Hessen Trade & Invest GmbH (HTAI)

Ein weiterer Vorteil: „Mit den Universitäten in Gießen und Marburg sowie der Technischen Hochschule Mittelhessen stehen drei Einrichtungen für Spitzenforschung und Fachkräftenachwuchs zur Verfügung – auch im Healthcare-Bereich.“

Universitätsübergreifende Impfstoff-Entwicklung 

Die Philipps-Universität Marburg zum Beispiel arbeitet gemeinsam mit Forschern des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf (UKE) ebenfalls an einem Corona-Impfstoff. Seit Mitte Oktober läuft eine klinische Phase-I-Studie mit dem Vektor-Impfstoff MVA-SARS-2-S. In der aktuellen Phase untersuchen die Mediziner, ob der Wirkstoff eine spezifische Immunantwort auslöst und ob er sicher und verträglich ist. Die insgesamt 30 Studienteilnehmenden werden engmaschig überwacht. An den Tagen nach den Impfungen sowie während der folgenden sechs Monate müssen die Probanden regelmäßig zu ambulanten Nachuntersuchungen kommen, erklärt die Uni Marburg die Vorgehensweise.

Die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus Hamburg und Marburg messen parallel die Bildung von Antikörpern und T-Zellen im Körper und vergleichen diese mit der Immunreaktion von genesenen Covid-19-Patienten. Bei dieser Forschungskooperation zeigt sich, wie wertvoll eine standortübergreifende Arbeit sein kann.

Netzwerke stärken

Darüber hinaus können auch branchenübergreifende Netzwerke helfen, wenn die eigenen Geschäftsmodelle stillstehen oder Pandemie-bedingt nicht mehr funktionieren, erklärt David Eckensberger: „Mittelhessen hat eine starke Netzwerk-Struktur und die Akteure pflegen einen regen und vertrauensvollen Austausch. Dieses Business-Ökosystem ist eine optimale Grundlage für geschäftlichen Erfolg und liefert auch immer wieder neue Impulse für das eigene Geschäft. Zudem besteht auch ein enger Austausch mit weiteren hessischen Healthcare-Netzwerken wie beispielsweise der Industrie Gesundheitswirtschaft Hessen (IGH) 

oder dem House of Pharma. So erschließen sich aus Mittelhessen heraus alle hessischen Netzwerke. Und durch die enge Zusammenarbeit des Regionalmanagements Mittelhessen und der Hessen Trade & Invest ist auch ‚der Blick über den Tellerrand‘ in andere technologische Bereiche jederzeit unkompliziert möglich.“ In Zukunft werden solche Verbindungen immer wichtiger, um branchenübergreifend Synergien zu nutzen.

Covid-19 Plasma-Allianz

Ein Netzwerk etwas anderer Art hat das Biotechunternehmen CSL Behring aus Marburg aufgebaut, um Medikamente zu entwickeln, die die Corona-Pandemie stoppen könnten. CSL Behring hat sich dafür mit anderen führenden Unternehmen zusammengeschlossen. Diese in der Industrie nahezu einzigartige Forschungskooperation hat das Ziel, eine aus Blutplasma gewonnene potenzielle Therapie zur Behandlung von Patienten mit schwerwiegenden Komplikationen durch Covid-19 zu entwickeln und bereitzustellen. Das Medikament soll den Namen CoVIg-19 tragen – Ig steht hierbei für Immunoglobulin-Therapie. Für seine Entwicklung benötigen die Firmen Blutplasma – auch von Menschen, die Covid-19 bereits überstanden haben.

Darüber hinaus nutzt CSL Behring das Plasma für eine Vielzahl von lebensrettenden Behandlungen, die täglich Tausenden von Menschen helfen. Laut der Firma werden derzeit rund 16.000 chronisch Erkrankte mit Blutplasma behandelt, unter anderem Menschen mit Immundefekten, die mit Plasmagaben ausgeglichen werden können.

Leider werden derzeit aufgrund der Pandemie die Plasmaspenden knapp. Daher rufen die Firmen dringend zu Spenden auf! 

Entwicklungszyklus für Impfstoff beschleunigen

Auch die Firma Merck mit Sitz im südhessischen Darmstadt beteiligt sich an Impfstoffprojekten. Dafür unterstützt sie Wissenschaftler auf der ganzen Welt bei ihrer Forschung gegen Covid-19. „Unser Engagement reicht von der Bereitstellung der Rohstoffe und Produkte für die Forschung bis zur Entwicklung von Herstellungsplattformen für die Produktion im Großmaßstab“, erklärt Ranjeet Patil, Leiter des Segments Cell & Gene Therapy, in einem Interview auf der Firmenseite.

„Zur Bekämpfung dieser Pandemie werden wir innerhalb kürzester Zeit eine bislang unerreichte Menge an Impfstoff herstellen müssen. Das bedeutet, wir brauchen mehr als einen Impfstoff, um die weltweite Nachfrage zu decken. Unsere Aufgabe ist es, uns auf die Wissenschaft zu konzentrieren und alle Entwicklungsprogramme nach besten Kräften zu unterstützen. Das tun wir momentan Tag und Nacht.“

Sichere Ausstattung ist unerlässlich für Forschung und Gesundheit

Damit Laborarbeit im Allgemeinen und Impfstoffentwicklung im Speziellen sicher vonstatten geht, bedarf es neben dem Knowhow der Wissenschaftler auch der richtigen Ausrüstung und Laborausstattung. Genau hier ist die Firma weiss-Technik aus Reiskirchen tätig. Das Unternehmen bietet passgenaues Equipment für Hochsicherheitslabore, wie etwa das an der Marburger Virologie. Speziell für den Einsatz in solchen Laboren wurden die mikrobiologischen Sicherheitswerkbänke entwickelt, die den sicheren Umgang mit gesundheitsgefährdenden, infektiösen und toxischen Stoffen ermöglichen. Die Marburger Virologen um Professor Stephan Becker nutzen diese Bauform unter anderem bei der Forschung an einem Corona-Impfstoff

Diese Art von regionaler Zusammenarbeit hält Eckensberger für extrem sinnvoll: „In der Krise hat sich die Vulnerabilität der globalen Liefer- und Wertschöpfungsketten gezeigt. Hier sollten die Unternehmen sehr genau analysieren, wie sie aufgestellt sind und welche Maßnahmen man ergreifen sollte, um einseitige Abhängigkeiten zu minimieren und nach Möglichkeit wieder regionale Lieferketten zu stärken – und hier ist Mittelhessen sicher ein guter Standort.“ Viele Wirtschaftsexperten gehen davon aus, dass lokal produzierende Unternehmen, gestärkt aus der Krise hervorgehen werden. Das stellt insbesondere für kleine und mittlere Unternehmen eine Chance dar.

Schnell zum Coronatest-Ergebnis

Ein Beispiel: Die Firma NanoRepro AG aus Marburg, die sich auf Schnelldiagnostik spezialisiert hat, entwickelt und produziert ihre Tests mittlerweile fast ausschließlich in Deutschland. Das hat ihnen in der Krise einen großen Vorteil gegenüber Wettbewerbern verschafft. Unter anderem bietet das Unternehmen zurzeit drei Corona-Antigen-Schnelltests an und leistet so seinen Beitrag gegen die Pandemie. Denn nur, wenn Erkrankte möglichst schnell entdeckt werden, können Infektionsketten unterbrochen werden. Dabei helfen Schnelltests, auch wenn sie geringfügig weniger exakte Ergebnisse als ein PCR-Labortest liefern.

Seit Anfang November ist auch der dritte Antigen-Test auf dem Markt und beim BfArm (Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte) gelistet. 

Der Test liefert innerhalb von nur 15-20 Minuten ein Ergebnis. So können etwa Ärzte, medizinisches Fachpersonal oder auch die entsprechenden Mitarbeiter von Pflegediensten schnell auf das Testergebnis ihrer Patienten zugreifen. 

Darüber hinaus bietet NanoRepro einen Antikörpertest an.

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Minuten bis zum Testergebnis

Innovationen in der und gegen die Krise

„Für ein echtes Resümee aus der Corona-Krise ist es zwar noch viel zu früh, denn wir befinden uns noch mitten in einer volatilen Gesamtlage“, sagt David Eckensberger. „Was sich aber schon zeigt, ist, dass die hessische Wirtschaft insgesamt gut aufgestellt ist und die Unternehmen ganz überwiegend sehr gut gewirtschaftet haben. Das zeigt sich aus unserer Sicht auch besonders positiv an der großen Anzahl an Anfragen für die Bereiche Innovationsunterstützung und Beratung zu EU-Fördermitteln. Ich bin gespannt, was wir da alles sehen werden.“

Mehr über die Herausforderungen, vor denen Healthcare-Unternehmen und Start-ups in der Corona-Krise stehen, und wie die HTAI dabei helfen kann lesen Sie hier in Einem ausführlichen Interview mit Dr. David Eckensberger.

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