„Wir verstehen uns als strategischer Partner der Region Mittelhessen“

In der Universität Gießen steckt Justus Liebig nicht nur im Namen. Auch ihr Anspruch orientiert sich noch immer an seinem Erbe: internationale Netzwerke zu bilden, strategische Forschungspartner zu etablieren sowie den wissenschaftlichen Nachwuchs zu fördern. Universitätspräsident Prof. Dr. Joybrato Mukherjee erklärt das Erfolgsrezept der zweitgrößten hessischen Hochschule und erläutert, wie die Justus-Liebig-Universität Gießen (JLU) den Forschungsstandort Mittelhessen prägt.

Hauptgebäude der Justus-Liebig-Universität, Foto: JLU / Sebastian Ringleb

Spitzenforschung und exzellente Wissenschaft, die gleichzeitig angewandte Lösungen für die Gesellschaft bieten. Wie wird die Universität diesem Anspruch, den Justus Liebig als Namensgeber vor fast 200 Jahren vorgelebt hat, heute gerecht?

Prof. Joybrato Mukherjee: Ausgezeichnete, aber auch anwendungsorientierte Forschung lag Justus Liebig sehr am Herzen und dieser Anspruch prägt die Universität noch immer. Mit dem „Liebig Concept“ haben wir eine Strategie erstellt, um die universitäre Spitzenforschung weiterzuentwickeln. Dazu gehört die Zusammenarbeit mit einem kompetenten Netzwerk an Partnern – und zwar regional, national und international. Auch unserem aktuellen Entwicklungsplan „JLU 2030“ liegen Liebigs Leitideen zugrunde.

Wie kann man sich das konkret vorstellen? 

Prof. Joybrato Mukherjee: Mittelhessen ist ein besonderer Forschungsstandort. Die drei Hochschulen verstehen sich als strategische Partner, wir nehmen gemeinsam unsere Verantwortung für die Region Mittelhessen wahr. Jede Institution für sich ist zu klein, um in einem harten wettbewerblichen Umfeld zu bestehen. Deswegen sind wir darauf angewiesen, als Akteure zusammenzuwirken. 

Der Forschungsstandort ist vor allen Dingen ein Kooperationsraum: Wir betreiben Wissenschaft mit dem Blick auf konkrete, gesellschaftliche Probleme und wollen Lösungen finden. Schließlich wird unsere Arbeit ja über Steuermittel finanziert. Dazu gehört auch, neue aussichtsreiche Disziplinen zu etablieren wie zum Beispiel die Insektenbiotechnologie. Auf diesem Gebiet, das Gießener Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler maßgeblich mitentwickelt haben, sind wir international führend. Hier gibt es mit der Etablierung des Institutsteils Bioressourcen des Fraunhofer IME am Standort Gießen sogar die Perspektive einer eigenständigen Fraunhofer-Einrichtung in Mittelhessen.

Welche Kooperationen und Forschungszweige stehen für die Universität Gießen besonders im Fokus?

Universitätspräsident Prof. Dr. Joybrato Mukherjee, Foto: JLU/ Jonas Ratermann

Prof. Joybrato Mukherjee: Unsere Heimatregion ist Mittelhessen, und deswegen haben wir vor einigen Jahren gemeinsam mit der Technischen Hochschule Mittelhessen und der Philipps-Universität Marburg eine strategische Allianz ins Leben gerufen. Wir haben den Forschungscampus Mittelhessen (FCMH) gegründet, eine hochschulübergreifende Einrichtung mit dem Ziel, gemeinsame Schwerpunkte voranzutreiben.

Zu unseren strategisch wichtigen Partnern gehört auch die Goethe-Universität Frankfurt, mit der wir eine ganze Reihe an Kooperationen haben – unter anderem ein gemeinsames Exzellenzcluster in der Herz-Lungenforschung. Unsere langjährige erfolgreiche Zusammenarbeit mit der Kerckhoff-Klinik in Bad Nauheim ist vor drei Jahren mit einem Kooperationsvertrag institutionalisiert worden. Mit der damit verbundenen Einrichtung eines „Campus Kerckhoff der Justus-Liebig-Universität Gießen und ihres Fachbereiches Medizin“ haben wir in Bad Nauheim ein universitäres Herz-, Lungen-, Rheuma- und Gefäßzentrum der JLU geschaffen, das unser Forschungs- und Lehrangebot um Spezialthemen erweitert. Auch mit dem Max-Planck-Institut in Bad Nauheim arbeiten wir in der Herz-Lungenforschung zusammen.

Die medizinische Forschung spielt also eine besondere Rolle für die Universität Gießen?

Prof. Joybrato Mukherjee: Ja, die Medizin ist für uns ein extrem wichtiger Bereich: Unser Spektrum reicht von der Grundlagenforschung über die ersten präklinischen Studien – gegebenenfalls in Zusammenarbeit mit Pharma-Unternehmen – bis hin zur Marktzulassung. 

Auf dem Gebiet der Lungenforschung beispielsweise sind Gießener Medizinerinnen und Mediziner seit Jahren international an der Spitze. Nicht umsonst hat das Deutsche Zentrum für Lungenforschung e.V. (DZL) seinen Vereinssitz in Gießen, ein Zusammenschluss aus 29 führenden universitären und außeruniversitären Einrichtungen, die sich der Erforschung von Atemwegserkrankungen widmen. Zudem wird in Gießen – zunächst unter dem Dach des DZL – das neue außeruniversitäre Institut für Lungengesundheit aufgebaut.

Forschungsergebnisse und Erkenntnisse sollen rasch in die klinische Praxis übernommen werden.      Ein Erfolgsindikator ist die Zulassung von neuen Wirkstoffen. Zur Behandlung der verschiedenen Formen des bislang unheilbaren Lungenhochdrucks beispielsweise gibt es fünf Substanzklassen, die innerhalb der vergangenen 20 Jahre entwickelt wurden. Forscherinnen und Forscher der JLU waren an der Entwicklung von drei dieser Wirkstoffklassen beteiligt – von der Idee bis zur Zulassung. Durch unsere Forschung konnten wir zur Behandlung dieser schweren Erkrankung der Lunge und des Herzens also einen erheblichen Beitrag leisten. Ein weiteres, ganz aktuelles Beispiel ist die Corona-Forschung: Hier sind Gießener Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler sowohl an der Suche nach einem Impfstoff als auch an der Entwicklung von Medikamenten beteiligt. Unter anderem wird an der JLU ein Wirkstoff gegen Covid-19 in einer klinischen Studie getestet. Ich denke, das ist unser Erfolgsgeheimnis: Man muss alle notwendigen und die besten Akteure zusammenbringen.

„Unsere Herausforderungen in der Medizin sind der Fachkräftemangel, der ökonomische Druck und der Ausbau der Digitalisierung.”

Prof. Dr. Joybrato Mukherjee

Welche Herausforderungen sehen Sie in der Medizin?

Prof. Joybrato Mukherjee: Da sehe ich mehrere Aspekte. Erstens ist die Medizin mit Nachwuchsproblemen konfrontiert: Es wird immer schwieriger, Arztstellen zu besetzen. Dieser Fachkräftemangel wird zunehmend eine Herausforderung – auch in der Hinsicht, Medizinerinnen und Mediziner für eine wissenschaftliche Karriere zu gewinnen. Zweitens sehe ich ökonomische Schwierigkeiten auf uns zukommen: Wir werden in Zukunft noch stärker damit zu tun haben, einer alternden Gesellschaft die Ressourcen für aufwändigere Therapiemöglichkeiten bereitzustellen. Hinzu kommen die aktuellen Herausforderungen durch die Corona-Pandemie – und auch möglicher weiterer Pandemien, auf die wir vorbereitet sein müssen. Auch das kostet Geld. Eine weitere Herausforderung ist sicherlich die Digitalisierung, die ganz neue Möglichkeiten und Chancen für die Medizin eröffnet. Aber das heißt zugleich, dass die Ressourcen für all die neuen digitalen Optionen zur Verfügung gestellt werden müssen. 

Welche Forschungsschwerpunkte gibt es außer der Medizin?

Prof. Joybrato Mukherjee:  Neben der sehr erfolgreichen Herz-Lungen-Forschung ist der psychologische Themenkreis „Wahrnehmung und Handlung“ einer unserer Schwerpunktbereiche in der Forschung. Hier arbeiten wir eng mit der Universität Marburg zusammen. Weitere wichtige Forschungsbereiche sind „Material und Energie“, insbesondere mit Blick auf Speichermaterialien der Zukunft, das Forschungsfeld „Kultur – Konflikt – Sicherheit“ mit dem Schwerpunkt östliches Europa und natürlich die Insektenbiotechnologie als Teilbereich der Bioressourcen, die uns insgesamt sehr interessieren.

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Partnerschafts-, Kooperations- und Austauschabkommen hat die Universität Gießen weltweit. Das zeugt von außerordentlich guter internationaler Vernetzung und Positionierung.

Wie sieht es auf internationaler Ebene aus – auch wenn man an die Ausbildung von Nachwuchswissenschaftlerinnen und -wissenschaftlern denkt?

Prof. Joybrato Mukherjee: Mit weltweit über 100 Partnerschafts-, Kooperations- und Austauschabkommen ist die JLU international sehr gut positioniert und vernetzt. Gießen als relativ überschaubare Stadt mit einer großen Universität ist auch international sehr attraktiv. Wir haben an der JLU rund zehn Prozent internationale Studierende. Zwischen 35 und 40 Prozent unserer Promovierenden kommen aus dem Ausland. Das ist ein sehr hoher Wert, der zeigt, dass wir eine sehr erfolgreiche international sichtbare Nachwuchsförderung betreiben.

So kooperieren wir beispielsweise seit dem Jahr 2012 in einem internationalen Graduiertenkolleg zur Reproduktionsmedizin mit der renommierten Monash University in Australien, in dem die Ursachen männlicher Unfruchtbarkeit erforscht werden. Es ist das erste von der Deutschen Forschungsgemeinschaft geförderte deutsch-australische Graduiertenkolleg überhaupt. Eine Besonderheit ist die gemeinsame Vergabe des Doktortitels durch beide Universitäten für erfolgreiche Absolventinnen und Absolventen.

Unsere internationale Zusammenarbeit in Forschung und Lehre fokussiert sieben strategische Partnerregionen: Australien, Europa mit dem Schwerpunkt östliches Europa, Kolumbien, südliches Afrika, Wisconsin/USA sowie – noch im Aufbau – China und Südasien. In Australien, Kolumbien und Polen haben wir drei „JLU Information Points“ eingerichtet, die die bestehenden Kooperationen mit einer dauerhaften Präsenz der JLU in Sydney, Bogotá und Lodz weiter stärken. Dort stellen wir unser Studienangebot und unsere Forschungsschwerpunkte vor, beraten zu Fördermöglichkeiten und rekrutieren Studierende sowie Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler.

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